
Autor: Univ. Prof. Dr. Werner Zenz Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde (Graz)
Berichte über Impf-Nebenwirkungen verunsichern nach wie vor zahlreiche Menschen. In diesem Beitrag werden die üblichen Argumente der Impfgegner aufgegriffen, widerlegt und ihre Absurdität aufgezeigt. Von Univ. Prof. Dr. Werner Zenz, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz, Klinische Abteilung für Allgemeine Pädiatrie, Auenbruggerplalz 30, 8036 Graz
Keine andere Maßnahme der modernen Medizin hat mehr zur Lebensverlängerung beigetragen als das Impfen. So ist es 1978 gelungen, die Pocken auszurotten. Große Teile der Welt sind frei von Kinderlähmung, Diphtherie, Tetanus und invasiven Infektlionen durch Hämophilus influenzae Typ B. In Ländern wie den USA und Finnland gibt es keine Masernfälle mehr. Die hohe Wirksamkeit von Impfungen hat zur Folge, dass die zu verhütenden Infektionserkrankungen immer weniger als Bedrohung empfunden werden und Sorgen über mögliche Nebenwirkungen in den Vordergrund treten.
Die Wirksamkeit und Sicherheit aller derzeit in Österreich empfohlenen Impfungen sind in zahllosen großen Studien dokumentiert. Trotzdem verunsichern jedoch Impfgegner und wiederholte Berichte vermeintlicher Impfnebenwirkungen immer wieder viele Menschen. Impfgegner sind in speziellen Vereinen organisiert, gehen mit regelmäßigen Vorträgen und Kongressen an die Öffentlichkeit, verfassen Bücher und Zeitschriften und haben eigene Homepages. Beispielsweise fand sich in einer Verkaufsliste des österreichischen Buchhandels folgendes Angebot über Impfliteratur: Von 14 Büchern, die sich mit dem Impfen befassten, waren vier für das Impfen und zehn dagegen.
Radikale Impfgegner behaupten regelmäßig "Impfen wirkt nicht". Um die Absurdität dieses Argumentes besser aufzuzeigen, ein ebenso irrationaler Vergleich zwischen den Masernerkrankungen in den USA und den Verkehrstoten in Österreich. In den Jahren 1958 bis 1962 gab es in den USA durchschnittlich 503.282 Masernfälle pro Jahr. Nach der Einführung der Masernimpfung im Jahre 1963 wurden im Jahre 2001 in den USA nur noch 116 Fälle registriert. Das entspricht einer Häufigkeitsreduktion von 99,98 Prozent, wobei molekulargenetische Untersuchungen zeigten, dass alle 116 Fälle aus dem Ausland importiert worden waren.
Um die Wirksamkeit dieser Impfung plastisch darzustellen, ein Vergleich zwischen dem Rückgang der Masern in den USA mit einer hypothetischen Verkehrssicherheitsaktion in Österreich. Möchte man in Österreich in Analogie zur Verkehrssicherheitsaktion Minus zehn Prozent eine Verkehrssicherheitsaktion Minus 98 Prozent durchführen, müsste man beispielsweise Tempo 10 auf Freilandstraßen und Tempo 30 auf Autobahnen einführen. Dann könnte man annehmen, dass die 922 Verkehrstoten im Jahr 2003 auf rund 20 Verkehrstote zurückgehen würden. 20 verbleibende Verkehrstote deswegen, da sich einige Personen nicht an die Geschwindigkeitsbeschränkungen halten und unvermeidbare Unfälle durch Rückwärtsfahren oder Unachtsamkeit auftreten würden.
Vergleicht man nun den Erfolg dieser hypothetischen Verkehrsicherheitsaktion (98prozentige Reduktion der Verkehrstoten von 922 auf 20) mit der Effizienz der Masernimpfung in den USA (99,98prozentige Reduktion der Erkrankten von 503.282 auf 116), war die Masernimpfung in den USA immer noch hundertmal wirksamer, als die Verkehrssicherheitsaktion Minus 98 Prozent. Führt man dieses Modell weiter mit Verkehrssicherheitsaktion Minus 99, 98 Prozent gleiche Risikoreduktion wie für die Maserimpfung in den USA - müssten die 922 österreichischen Verkehrstoten im Jahr 2003 auf 0,2 Verkehrstote pro Jahr, also auf alle fünf Jahre ein Verkehrstoter, heruntergehen. Dazu müsste man alle Verkehrsmittel abschaffen, wobei dies vermutlich auch nicht ausreichen würde, da sicher einige Personen während des Gehens an Herzinfarkten oder anderen akuten Erkrankungen sterben würden.
Umgekehrt würde dann durch das Verschwinden jeglicher Todesfälle im Straßenverkehr die Gefährlichkeit des Autofahrens bald in Vergessenheit geraten, und sogenannte Gegner dieser Verkehrssicherheitsaktion würden vor den Nebenwirkungen des Gehens wie beispielsweise vor vermehrten Arthrosen in den Hüft- und Kniegelenken warnen. Radikale Vertreter würden dann hinter dieser Aktion eine Globalisierung von Ärzten und Industrie vermuten, die sowohl den Ärzten als auch der Industrie riesige Profite durch den gesteigerten Verkauf künstlicher Gelenke beschert. Dieses Beispiel ist genauso absurd wie die Behauptung, dass der Rückgang der Masern in den USA auf etwas anderes als die Einführung der generellen Masernimpfung zurückzuführen ist.
In die selbe Richtung geht die Argumentation: "Der Rückgang der Infektionskrankheiten ist nicht die Folge des Impfens, sondern der besseren Lebensumstände wie zum Beispiel der besseren Ernährung und der besseren hygienischen Verhältnisse."
Dazu drei Beispiele über die Wirksamkeit der Schutzimpfungen aus den letzten Jahren, in denen Veränderungen der Lebensumstände, moderne Ernährung und verbesserte Hygiene keinen Einfluss auf das Verschwinden von Infektionserkrankungen gehabt haben können.
Anfang der 90er Jahre wurde die Konjugatimpfung gegen Hämophilus influenzae Typ B (HiB) eingeführt. HiB war bis dorthin der häufigste Erreger der eitrigen Meningitis in den ersten fünf Lebensjahren sowie für praktisch alle Fälle der akuten Epiglottitis verantwortlich, einer Erkrankung, die unbehandelt eine 50 prozentige Sterblichkeit aufweist. In Österreich wurden vor der Einführung der HiB-Impfung circa 80 bis 100 Erkrankungen pro Jahr beobachtet. Kurz nach Einführung dieser Impfung kam es zum raschen Rückgang dieser Infektionen, und seit 1997 wurde in Österreich nur mehr ein einziger Fall beobachtet. in den letzten zwölf Jahren konnten dadurch mehr als 1.000 Fälle an invasiven Hämophilus-Infektionen verhindert werden.
Ähnlich verhält es sich mit der FSME-Impfung: Vor Einführung der generellen Impfung im Jahr 1981 gab es in Österreich 500 bis 700 FSME-Fälle pro Jahr. Derzeit gibt es weniger als 100 Fälle pro Jahr. Im Gegensatz dazu blieb die Häufigkeit der FSME Fälle in den Nachbarländern Tschechien, Ungarn, und der Slowakei, wo die FSME-Impfung noch immer nicht für alle empfohlen wird, unverändert. In Österreich konnten damit jährlich mindestens 400 FSME-Erkrankungen verhindert werden. Das ergibt seit 1990 etwa 5.600 Fälle und entspricht etwa 100 Todesopfern und mehr als 1.000 Personen mit bleibenden Lähmungen.
Drittes Beispiel: Einführung der Konjugatimpfstoffe gegen Meningokokken der Gruppe C in Großbritannien im Jahr 1999. Davor gab es mehr als über 800 Erkrankungsfälle der Gruppe C und über 1.100 der Gruppe B. Nach Einführung der Meningokokkenimpfung gegen C fiel deren Häufigkeit auf unter 200 pro Jahr. Erwartungsgemäß wurde die Häufigkeit der B-Fälle, gegen die es noch keine Impfung gibt, nicht beeinflusst. Man schätzt, dass damit in Großbritannien jährlich 150 Todesopfer verhindert werden können.
Ein weiterer fataler Irrtum mancher Impfgegner lautet: "Es ist nicht mehr notwendig, gegen Erkrankungen, die wir nicht mehr sehen - wie Diphtherie und Kinderlähmung - zu impfen, da damit nur Nebenwirkungen und Gefahren verbunden sind."
Wozu es führen kann, wenn die Durchimpfungsrate gegen eine auf der Welt noch nicht ausgerottete Erkrankung zu weit absinkt, zeigt eindrucksvoll das Beispiel der Diphtherieepidemie in der ehemaligen Sowjetunion. 1958⁄59 wurde dort die Impfung gegen Diphtherie eingeführt. 1963 wurde die Häufigkeit der Diphtherie um mehr als 90 Prozent reduziert. 1976 gab es in der gesamten Sowjetunion nur noch 168 Fälle. Die Durchimpfungsrate bei Kindern lag zwischen 1960 und 1980 bei mehr als 90 Prozent.
Mit der zunehmenden Liberalisierung der Sowjetunion begann ab 1985 auch dort die Diskussion über die vermeintlichen Nebenwirkungen der Pertussisimpfung. Die staatlich verordneten Impfungen gerieten immer mehr in Misskredit; viele Ärzte hatten Angst vor Nebenwirkungen und Klagen. Vom russischen Gesundheitsministerium wurde eine lange irrationale Liste von falschen Kontraindikationen gegen die Diphtherie⁄Tetanus⁄Pertussisimpfung herausgegeben, die im Beipack der Impfung enthalten war. Im Zug dieser Kampagnen wurden in weiterer Folge auch noch die Anzahl und die Dosis der empfohlenen Impfungen reduziert.
Aus diesen Gründen fiel der Prozentsatz der Kinder mit einem ausreichenden Schutz gegen Diphtherie auf 50 bis 60 Prozent. Zusätzlich hatte - wie auch derzeit noch in vielen westlichen Ländern - ein noch größerer Teil der Erwachsenen keinen ausreichenden Impfschutz. In den folgenden Jahren wurde von den heimkehrenden Soldaten aus Afghanistan die Diphtherie in die ehemalige Sowjetunion wieder eingeschleppt.
In den Jahren 1990 bis 1998 kam es in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion zu riesigen Diphtherieepidemien. Zwischen 1990 und 1998 wurden mehr als 157.000 Diphtherie-Erkrankungen und 5.000 Todesopfer gezählt. Erst durch westliche Hilfe und der Wiedereinführung des alten Impfschemas gelang es, diese Erkrankung wieder zurückzudrängen. Es wäre also ein fataler Irrtum, auch bei nahezu völligem Fehlen von Diphtherie oder Poliomyelitis in unseren Breiten die Bevölkerung nicht mehr vor diesen Erkrankungen zu schützen, solange diese Krankheiten nicht völlig ausgerottet sind.
Praktisch jeder Impfgegner berichtet: "Schwerwiegende Nebenwirkungen der Impfungen sind gleich häufig oder weit häufiger als die Komplikationen der zu verhütenden Erkrankungen." Kein Impfstoff ist 100prozentig wirksam und frei von Nebenwirkungen. Der Nutzen aller derzeit in Österreich allgemein empfohlenen Impfungen ist aber um ein Vielfaches, meist um mehr als das Tausendfache größer als das Risiko einer schweren Nebenwirkung.
An der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde Graz betreut die dortige Infektionsabteilung jährlich rund 2.000 Kinder. Als einziges Kinderspital im südsteirisch Raum wird jedes Kind (von 120.000 Kindern in dieser Region) mit einer akuten schweren inneren Erkrankung hier behandelt. In den letzten 13 Jahren gab es keinen einzigen Impfschaden mit einem derzeit in Österreich empfohlenen Impfstoff. Die letzten Impfschäden wurden in Folge der Pocken- und Tuberkuloseimpfung, die nicht mehr verwendet werden, beobachtet. Das bestätigt auch das Bundesministerium für Soziale Sicherheit und Generationen, das für alle in Österreich anerkannten Impfschäden finanzielle Entschädigungen leistet. Während in den letzten 13 Jahren kein einziger Impfschaden registriert wurde, gab es in den letzen zehn Jahren jeweils zwei Todesopfer durch Masern und Keuchhusten. Dazu kommt noch ein tödlicher Fall einer subakut sklerosierenden Panenzephalitis (SSPE) an der Universitätsklinik für Neurologie in Graz sowie ein zusätzlicher sehr wahrscheinlicher Todesfall an Pertussis an der Kinderklinik Graz. Die Patientin mit SSPE hatte Masern als Kind und war dagegen nicht geimpft, da Impfgegner der Mutter erklärt hatten, wie gesund Masern seien.
Weiters müssen hier noch mehrere Fälle von eitriger Meningitis durch Hämophilus influenzae Typ B, die teilweise schwerste bleibende Schäden, wie Taubheit, Anfallsleiden, Lähmungen und Entwicklungsverzögerungen nach sich zogen, angeführt werden. Dazu kommen noch zahlreiche Kinder, die wegen schwerer Verlaufsformen von Masern, Mumps, Röteln, Pertussis, Hepatitis B und Hämophilusinfektionen stationär - oft auch intensivmedizinisch - behandelt werden mussten. Bedenkt man, dass die Durchimpfungsrate im Kindesalter in der Steiermark für die meisten Impfungen bei mehr als 90 Prozent liegt, kann man erahnen, welchen ungemein großen Nutzen die Schutzimpfungen darstellen - ohne die ein Vielfaches an Opfern zu beklagen wäre.
Im Zusammenhang mit der Diskussion über Nebenwirkungen von Impfungen wird immer wieder behauptet: "Für viele Impfungen ist in wissenschaftlichen Arbeiten belegt, dass sie zu schweren Nebenwirkungen führen." So wurde behauptet, dass die Pertussisimpfung zum plötzlichen Kindstod, die Masernimpfung zu Autismus und Morbus Crohn, die Impfung gegen Hämophilus influenzae Typ B zu Diabetes und die Impfung gegen Hepatitis B und gegen FSME zu Multipler Sklerose führen. In allen Fällen haben mehrere und vielfach größere Folgestudien jede einzelne dieser Behauptungen widerlegt.
Eines der beliebtesten Argumente gegen die Schutzimpfungen ist die Behauptung: "Impfungen verhindern die für die Entwicklung des Immunsystems erforderlichen Krankheiten und sind deswegen schuld an der Zunahme der Allergien und Autoimmunerkrankungen. Beispielsweise schützen durchgemachte Masern vor Asthma und Neurodermitis." Dieser Behauptung liegt das Unverständnis über die Hygienehypothese zu Grunde. Diese ist mittlerweile aus keiner Übersichtsarbeit über die Entstehung von allergischen Erkrankungen mehr wegzudenken. Sie besagt, dass die Zunahme von Allergien und Autoimmunerkrankungen in der westlichen Welt mit der verbesserten Hygiene und dem massiven Rückgang der schweren Infektionserkrankungen zusammenhängt.
So kam es im Zeitraum von 1960 bis 2000 zu einer massiven Abnahme zahlreicher Infektionserkrankungen wie Masern, Mumps, Röteln, Tuberkulose und Hepatitis A, während Typ 1-Diabetes, Multiple Sklerose, Morbus Crohn und Asthma bronchiale deutlich anstiegen. Allergien und Autoimmunerkrankungen sind bei Kindern in Nordeuropa, wo aufgrund der niedrigeren Temperaturen bessere hygienische Verhältnisse herrschen, deutlich häufiger als in Südeuropa und dort wiederum häufiger als in Afrika.
Typ I-Diabetes, Multiple Sklerose und Asthma sind bei Kindern aus besseren Einkommensverhältnissen - trotz besserer hygienischer Verhältnisse - deutlich häufiger als bei denen aus niedrigeren Einkommensschichten. Das Risiko, Allergien zu entwickeln, ist umso höher, je weniger Geschwister vorhanden sind und je weniger Infektionen durchgemacht werden. Das Risiko korreliert mit dem Geburtsstatus, wobei Erstgeborene ein höheres Risiko haben als Zweitgeborene, die wiederum ein höheres als Drittgeborene und so weiter. Es konnte auch gezeigt werden, dass Kinder, die zu einem früheren Zeitpunkt in den Kindergarten gehen, ein geringeres Risiko haben, allergische Erkrankungen zu entwickeln als diejenigen, die später damit beginnen.
Zusammenfassend lässt die Vielzahl von Studien kaum Zweifel daran, dass die Verbesserung der hygienischen Verhältnisse irgendwie mit der Zunahme von Allergien und Autoimmunerkrankungen zusammenhängt. Deshalb erschien die Hypothese naheliegend, dass die Impfungen für das vermehrte Auftreten von Allergien und Autoimmunerkrankungen verantwortlich sind. Impfgegner berufen sich dabei meist auf eine Studie aus Zentralafrika, die 1996 im Lancet publiziert wurde. Dabei wurden in einer Studie über Ernährung und Gesundheit 1.478 Kinder aus Guinea Bissau erfasst. Dort gab es 1979 eine Masernepidemie. Zwei Gruppen von Patienten konnten gebildet werden: Die einen hatten Masern durchgemacht und die anderen nicht, da sie gegen Masern geimpft worden waren.
Die Patienten wurden mit dem Pricktest auf das Vorliegen einer Hausstaubmilbenallergie untersucht: Von denen, die Wildmasern durchgemacht hatten, wiesen nur 12,8 Prozent (17 von 133) einen positiven Hauttest auf-, hingegen waren bei den Geimpften 25,6 Prozent (33 von 129) positiv. Was darauf hinweist, dass durchgemachte Masern vor Allergien schützen. Da dieses Thema von enormem Interesse ist, wurde diese Fragestellung in mehreren weiteren noch viel größeren Studien untersucht. Die größte dieser Folgestudien stammt aus Finnland und wurde im Jahre 2000 veröffentlicht. Man verglich die Häufigkeit von Asthma bronchiale, Ekzem und allergischer Rhinitis bei 20.690 Kindern, die Masern durchgemacht hatten mit 527.220, die keine Masern gehabt haben. In dieser Studie war bei den Kindern mit Masern die Häufigkeit sowohl für Ekzeme, allergische Rhinitis und Asthma bronchiale deutlich erhöht. Es fand sich aber in keinem Fall ein Hinweis dafür, dass Masern vor Allergien schützen.
Eine weitere riesige Studie stammt von DeStefano aus den USA und wurde im Jahre 2002 publiziert. Hier wurden Daten aus dem Vaccine Safety Datalink Project verwendet. Zwischen 1991 und 1997 wurden 167.240 Kinder erfasst, von denen 12.426 nicht Masern-Mumps-Röteln geimpft worden waren.
Da zusätzlich 18.407 Asthma bronchiale hatten, war es möglich, die Häufigkeit von Asthma bronchiale zwischen Maserngeimpften und Ungeimpften zu vergleichen. Das relative Risiko war mit 0,97 Prozent praktisch gleich 1 und somit nicht unterschiedlich zwischen den Geimpften und Ungeimpften. Diese Studie ergab auch keinen Hinweis dafür, dass die Diphtherie-Tetanus-Pertussis Impfung mit Ganzkeimimpfstoff, die orale Poliovakzine und die Impfungen gegen Haemophilus influenzae Typ B, Tuberkulose oder Hepatitis B zu einem erhöhten Risiko für Asthma bronchiale führen.
Im Gegensatz dazu wurde versucht, die Ergebnisse aus Guinea-Bissau zu wiederholen, was aber nicht gelang (gleiche Arbeitsgruppe wie 1996). Insgesamt wurden bei Durchsicht der Literatur 19 Originalarbeiten gefunden, die sich mit dieser Problematik beschäftigten. Dabei zeigen die letzten und großen Studien übereinstimmend, dass Masern nicht vor Allergien schützen.
Ein weiteres Argument dafür, dass Impfungen nicht zu Allergien führen, sind die Vergleichsstudien zwischen Ost- und Westdeutschland. Hier ergab sich, dass in der BRD Heuschnupfen, Asthma bronchiale und Atemwegshyperreaktivitäten signifikant häufiger vorkommen als in der ehemaligen DDR. In der DDR lag die Durchimpfungsrate durch die staatlich verordnete Impfpflicht annähernd bei 99 Prozent, während in der BRD durch den ständigen Einfluss von Impfgegnern und Alternativbewegungen die Durchimpfungsraten weit niedriger waren.
Um Eltern noch besser überzeugen zu können, dass Asthma bronchiale oder Neurodermitis nicht die Folge der Impfungen sind, kann es nützlich sein, die modernsten Vorstellungen über die Zunahme allergischer Erkrankungen zu skizzieren. Entsprechend der Hygienehypothese stellt man sich derzeit vor, dass das Immunsystem in den ersten Lebensmonaten Auseinandersetzungen mit fremden Organismen und Erregern erfahren muss und dadurch so geprägt wird, dass im späteren Alter keine Allergien oder Autoimmunerkrankungen auftreten. Es ist bekannt, dass das Risiko für Asthma bronchiale, Heuschnupfen und atopische Sensibilisierung bei Kindern, die auf einem Bauernhof mit Viehzucht aufwachsen sind geringer ist als bei denen, die in der Stadt groß werden. Als schützende Faktoren konnten der regelmäßige Aufenthalt im Stall im ersten Lebensjahr und der Genuss unpasteurisierter Kuhmilch identifiziert werden.
In einer Folgeuntersuchung konnte gezeigt werden, dass das Asthmarisiko umso niedriger war, je höher die Konzentration von bakteriellem Endotoxin in den Betten der Kinder war. Endotoxin stammt von Bakterien und wird beispielsweise massenweise im Rinderkot gefunden. Die Tatsache, dass wir unsere Haustiere, mit denen wir entwicklungsgeschichtlich viele tausend Jahre eng zusammengelebt, aus dem häuslichen Wohnbereich verbannt haben und somit sauberer leben, ist also eine der möglichen Erklärungen für die Zunahme allergischer Erkrankungen. Vor der Verwendung von unpasteurisierter Kuhmilch sei jedoch gewarnt, da diese bei Säuglingen zu schwersten Gedeihstörungen und durch eine Infektion mit Escherichia coli Typ 0157 zu lebensbedrohlichen Infektionen und sogar zum Tod führen kann.
Noch wichtiger als die Exposition gegenüber mikrobiellem Endotoxin ist der Einfluss der Darmflora auf das Immunsystem. Während bei der Geburt der Darm eines Neugeborenen noch steril ist, kommt es bald zur Besiedelung des Darmes und somit zu einer massiven und andauernden Stimulierung des Immunsystems. Wenn man sich vorstellt, dass im Darm des Menschen 1014 Bakterien, also 100,000 Milliarden fremde Keime zu finden sind und der Darm durch seine Zotten eine Oberfläche von 200m2 hat, wird klar, dass die massivste und auch frühzeitigste Immunreaktion des Menschen die Auseinandersetzung des Organismus mit seiner Darmflora ist.
In diesem Zusammenhang wurde der Einfluss des Probiotikums Laktobazillus rhamnosus Stamm GG auf das Auftreten einer Neurodermitis untersucht. Diese Bakterien reduzierten in einer placebokontrollierten Studie die Häufigkeit einer Neurodermitis im sechsten Lebensmonat um 50 Prozent, wenn sie an schwangere Mütter zwei bis vier Wochen vor der Entbindung und an deren Kinder bis zum sechsten Lebensmonat verabreicht wurden. Es scheint also so zu sein, dass zu einem der kaum mehr vorhandene Kontakt mit tierischen Exkrementen und zum anderen Veränderungen unserer Darmflora für die Zunahme von Allergien und Autoimmunerkrankungen verantwortlich sind.
Natürlich hat auch die Zahl der Infektionserkrankungen in der Verhinderung von Allergien und Autoimmunerkrankungen einen Stellenwert. Das geht aus Untersuchungen hervor, in denen die Häufigkeit von Allergien mit dem Eintrittsalter in den Kindergarten und der Familiengröße verglichen wird. Kinder haben im Durchschnitt fünf bis sechs respiratorische Infekte pro Jahr; in den ersten sechs Lebensjahren etwa 30 infektiöse Erkrankungen. Dazu kommt noch eine bis dato unbekannte Zahl asymptomatischer Infektionen, die ohne Krankheitssymptome ablaufen, die aber im Labor durch Antikörperuntersuchungen leicht nachweisbar sind.
Das Verschwinden von Masern, Mumps und Röteln hat nun deswegen keinen Einfluss auf den Anstieg von Allergien und Autoimmunerkrankungen, da die Zunahme dieser Erkrankungen durch verbesserte Hygiene und Veränderungen der Darmflora erklärt wird und diese Krankheiten nur einen sehr kleinen Teil aller Infektionserkrankungen eines Kindes darstellen. Zusammenfassend zeigen die vorliegen, den Daten eindeutig, dass das Impfen nicht für die Zunahme von Allergien oder Autoimmunerkrankungen verantwortlich ist.
Veröffentlicht am 24.04.05 mit freundlicher Genehmigung von Univ. Prof. Dr. Werner Zenz, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde (Graz)