
Die Diskussionen um eine mögliche Pandemie treiben seltsame Blüten - auch im Lager der überzeugten Impfgegner. So machen Impfgegner in Deutschland derzeit nicht nur gegen Impfungen allgemein mobil. Auch gegen die Anwendung von Neuraminidasehemmern werden unwahre oder falsch verstandene "Informationen" von Laien verbreitet.
Ein Beispiel ist Angelika Kögel-Schauz, die eine Website mit dem irreführenden Namen "Impfaufklärung.de" betreibt und dort am 21. Mai einen Text mit dem Titel "Die verschwiegenen Risiken der Neuraminidasehemmer Tamiflu und Relenza" veröffentlichte.
Auf zwei Seiten lässt sich Kögel-Schauz zur Grippe und den Neuraminidasehemmstoffen aus.
Diese laienhafte, aber für den Unkundigen als seriöse "Information" getarnte und nicht auf Anhieb durchschaubare Darstellung bedarf einer deutlichen und fachlich stichhaltigen Korrektur.
Der Text von Frau Kögel-Schauz ist unter www.impfaufklaerung.de einsehbar.
Im ersten Absatz ist an den Formulierungen von Kögel-Schauz zu erkennen, dass sie schon die einfach zu prüfenden Grundlagen nicht anerkennt.
Zitat 1: "Beide Medikamente sollen das Enzym Neuraminidase hemmen, das die Influenza-Viren laut schulmedizinischer Sicht für die Vermehrung brauchen. Damit soll angeblich die Vermehrung der Viren gestoppt werden und damit auch die Erkrankung bzw. die Ansteckung gemildert werden."
Die Vermehrung der Influenzaviren wird nicht "angeblich" gehemmt, die Hemmung lässt sich durch in-vitro-Experimente nachweisen. Für die Wirkform Oseltamivircarboxylat liegen die 50%-Hemmwerte für verschiedene Virusstämme zwischen 0,02 und 26 µmol / l. Dies lässt sich nachlesen (McClellan & Perry, 2001).
-> Das ist schlecht recherchiert, Frau Kögel-Schauz!
Im fünften Absatz wird Kögel-Schauz deutlich:
Zitat 2: "Merkwürdigerweise hielt man es nicht für notwendig die Wirkung der Neuraminidasehemmer auf die menschlichen Neuraminidasen zu erwähnen oder gar zu untersuchen."
Das ist schlicht und einfach die Unwahrheit!
In der von Kögel-Schauz zitierten Referenz Nr. 11 wird in der Folie 13 auf Untersuchungen zur Wirkung auf die menschliche Neuraminidase hingewiesen. Diese Untersuchungen beinhalten sogar eine Quellenangabe. Die dort genannte wissenschaftliche Arbeit ist im Internet für jeden frei zugänglich.
-> Warum schreiben Sie die Unwahrheit, Frau Kögel-Schauz? Oder lesen Sie Quellen, die Sie angeben, nicht ?
Bevor wir zur Kernthese von Kögel-Schauz kommen, soll kurz auf die Funktion der Neuraminidasen eingegangen werden. Diese Enzyme, die auch Sialidasen genannt werden, sind in der Natur weit verbreitet und sowohl in Viren als auch in Bakterien, Tieren und Menschen zu finden. Wer mehr dazu lesen möchte, Achyuthan & Achyuthan haben im Jahr 2001 eine schöne Übersicht dazu geschrieben.
Zurück zur These von Kögel-Schauz:
Zitat 3: "Eine aufwändige Recherche zur Wirkung der Neuraminidasehemmer auf die menschlichen Neuraminidasen ergab (Ref.11, Ref. 12), dass sehr wohl eine Wirkung nicht nur auf die Neuraminidasen der Influenza-Viren, sondern auch auf die des menschlichen Organismus vorhanden ist. Die Konstante, mit der die Wirkung eines Arzneimittels auf verschiedene Substanzen gemessen wird, befindet sich auch bei den menschlichen Neuraminidasen im therapeutischen Bereich (Ref. 13)."
Diese Formulierungen sind außerordentlich undeutlich und unklar. Frau Kögel-Schauz hat offenbar nur eine verschwommene Vorstellung davon, was ein therapeutischer Bereich ist.
Betrachten wir also einmal die theoretische Möglichkeit, dass die Neuraminidasehemmer Oseltamivir (Tamiflu) und Zanamivir (Relenza) bei therapeutischer Gabe die menschliche Neuraminidase hemmen könnten.
Dazu gehen wir in zwei Schritten vor.
Zuerst schauen wir uns die Hemmung der verschiedenen Neuraminidasen an. Die Testergebnisse wurden 1998 veröffentlicht (Mendel et al., 1998).
Hier die Ergebnisse:
Mit Ki wird die Hemmkonstante eines Enzymes bezeichnet. Die Einheit ist eine Konzentration.
Die Neuraminidase des Influenza-Virus mit dem Namen A/PR/8/34 (H1N1) wird deutlich gehemmt, der Ki-Wert liegt bei 0,5 nmol / l. Etwas höher liegt der Ki-Wert für das Influenza-Virus B/Lee/40, hier wurde eine Ki-Wert von 1,2 nmol / l bestimmt.
Zum Vergleich wurde die Neuraminidase in der menschlichen Leber untersucht, der Ki-Wert war größer als 500.000 nmol / l oder 500 �mol / l.
Der Unterschied in der Hemmwirkung zwischen menschlicher Neuraminidase und der Neuraminidase aus Influenzaviren durch Oseltamivircarboxylat beträgt also fast eine halbe Million.
Wir halten fest: Die menschliche Neuraminidase wurde untersucht und es gibt einen sehr großen Unterschied in der Hemmwirkung zwischen den beiden Enzymen.
Im zweiten Schritt schauen wir nach den Konzentrationen, die im menschlichen Organismus erreicht werden. Hierzu gibt es eine Übersichtsarbeit (McClellan & Perry, 2001).
Es soll geprüft werden, ob der Ki-Wert von > 500 µmol / l eine Rolle für den Menschen spielt. Dazu schauen wir uns die Plasmakonzentrationen von Oseltamivircarboxylat nach Oseltamivirgabe an. Die Spitzenkonzentrationen im Blutplasma der Menschen, die Oseltamivir eingenommen haben, können uns einen Hinweis darauf geben, ob eine Hemmung möglich ist.
Zur Umrechnung benötigen wir das Molekulargewicht der Wirkform Oseltamivircarboxylat (MW=284), die Gleichung lautet dann
284 µg = 1 µmol.
Es wurden Erwachsene untersucht, die zweimal am Tag 100 mg Oseltamivir schluckten, die Angaben stammen aus einer Übersicht von McClellan & Perry (2001). Für die Behandlung der Influenza werden zweimal täglich 75 mg eingenommen.
Im Blut der Personen wurden die Konzentrationen der Wirkform gemessen und es wurde eine Spitzenkonzentration von 439 µg / l bestimmt. 439 µg / l sind nach der oben genannten Gleichung 1,55 µmol / l.
Setzen wir den Spitzenwert von 1,55 µmol / l in Beziehung zur Hemmkonzentration der menschlichen Neuraminidase, der Wert liegt bei über 500 µmol / l, dann stellen wir fest, dass ein Faktor von 323 zwischen diesen Werten liegt.
-> Das ist peinlich, Frau Kögel-Schauz!
Wir fassen zusammen:
Das Papier von Frau Kögel-Schauz wurde kritisch überprüft und es stellte sich schon bei erster Betrachtung heraus, dass Frau Kögel-Schauz ihre angegebenen Referenzen nicht liest, nicht versteht oder die Unwahrheit schreibt.
Weiterhin deutete Frau Kögel-Schauz an, dass Neuraminidasehemmer ggf. die menschliche Neuraminidase hemmen können, ohne dies jedoch sprachlich präzise fassen oder gar fachlich darlegen zu können.
Schon ihre eigenen Quellen sprechen gegen sie.
Unsere Ausführungen zeigen klar und deutlich anhand von jedermann zugänglichen Quellen, dass eine Hemmung der menschlichen Neuraminidase bei therapeutischen Gaben von Oseltamivir nicht stattfindet, da die Hemmkonzentration mehr als 300x höher liegt als die Spitzenkonzentration von Oseltamivircarboxylat im Plasma.
Quellen
Achyuthan KE, Achyuthan AM (2001) Comparative enzymology, biochemistry and pathophysiology of human exo-alpha-sialidases (neuraminidases). Comp Biochem. Physiol Part B, 129: 29 - 64
McClellan K, Perry CM (2001) Oseltamivir: a review of its use in influenza. Drugs; 61: 263 - 283
Mendel DB, Tai CY, Escarpe PA, Li W, Sidwell RW, Huffman JH, Sweet C, Jakeman KJ, Merson J, Lacy SA, Lew W, Williams MA, Zhang L, Chen MS, Bischofberger N, Kim CU (1998) Oral administration of a prodrug of the influenza virus neuraminidase inhibitor GS 4071 protects mice and ferrets against influenza infection. Antimicrob Agents Chemother.; 42:640 - 646.
Das Team von Impfinformationen.de