
Autorin: Dr. Catherina G. Becker
Ich habe mir vor einiger Zeit mal die Mühe gemacht, die Coburger Masernzahlen zu analysieren. Die Auswertung einer Epidemie gibt ja immer ganz gut Aufschluss über die Schutzwirkung von Impfungen - hier also aufgedröselt:
Natürlich ist es bei einer Epidemie immer wichtig, die richtigen Zahlen zu haben – gerade für die Coburger Epidemie stehen uns Zahlen aus verschiedenen Quellen zur Verfügung – hier zunächst Dr. Fromme selber: http://web.archive...//www.individuelle-impfentscheide.de/stimmenfromme.htm
Seine Zahlen sind leider wenig systematisch – insgesamt wurden seiner Praxis offensichtlich 685 Masernfälle gemeldet – er sagt uns aber nicht, wie viele davon geimpft waren (obwohl er im Text von ca. 400 ungeimpften in seiner Praxis redet). Er nennt auch eine deutlich höhere Anzahl an Masernerkrankten, 1350 gegenüber den 1191 „offiziellen“, von den 685 Masernfällen, die in seiner Praxis „gemeldet“ wurden hat er aber nur 385 behandelt.
Schauen wir doch mal die Zahlen an, die die Frage wer in Coburg geimpft war und wer nicht, systematischer beleuchten – das ist einmal das RKI (im Epidemiologischen Bulletin 19/2002) – die haben Informationen über den Impfstatus von 80% der Erkrankten (von 1166 bis Woche 16 gemeldeten) und laut RKI waren 94% davon nicht geimpft.
Dann gibt es die Zahlen des Sentinels (meldende Ärzte, siehe hier ) laut AG Masern (zitiert nach Siedler, A. 2002, Masernepidemie in Coburg, Kinderärztliche Praxis, Sonderheft „Impfen“) – die haben Informationen über weniger der Coburger Masernfälle, insgesamt 689, von denen haben sie Daten über den Impfstatus von 98% und 98% von diesen waren ungeimpft.
Schließlich noch die Magisterarbeit vom Dezember 2002 von Dr. Stephan Arenz ( gibts als pdf hier:) - daraus:
"Zwischen November 2001 und Juni 2002 wurden dem zuständigen Gesundheitsamt 1191 Masernerkrankungen in Stadt und Landkreis Coburg gemeldet. Stadt und Landkreis Coburg liegen in Bayern im Regierungsbezirk Oberfranken und haben zusammen 135.000 Einwohner, davon 26.500 unter 18 Jahren [Statistische Berichte des Bayerischen Landesamts für Statistik und Datenverarbeitung: Der Bevölkerungsstand Bayerns am 31. Dezember 2001: September 2002]."
"Die Durchimpfungsraten der Schuleingangsuntersuchungen 1998/1999 - 2000/2001 wurden herangezogen und mit den Meldedaten für Masernfälle korreliert. Die Impfraten lagen für Coburg bei 76,5%."
Dr. Arenz hat an 762 der 1191 gemeldeten Masernfälle Fragebögen geschickt und die 510 auswertbaren weiter untersucht. Unter den 398, deren Erkrankung der Falldefinition des RKI entsprach, fanden sich 88% Ungeimpfte.
Jetzt haben wir drei verschiedene Angaben über den Impfstatus von 3 nicht ganz unabhängigen Quellen, die auf verschiedenen Stichproben beruhen (bis zu 80% der Erkrankten, RKI). Vernünftigerweise sollte man von den bekannten Daten hochrechnen, was angesichts der Stichprobengrößen möglich sein sollte – ich mach das mal:
Der Einfachheit halber mittele ich die Rate der Ungeimpften ab hier, obwohl es sicher eine Menge Arten gäbe, hier zu wichten – also RKI 94%, AGM 98%, Arenz 88%, macht eine durchschnittliche Rate der Ungeimpften in der Coburger Epidemie von 93.3%.
Jetzt können wir weiter rechnen:
1’191 Masernkranke, davon 93.3% ungeimpft, macht 1’111 ungeimpfte (kaufmännisch gerundet), 80 geimpfte Masernkranke.
26'500 Einwohner unter 18, davon 76.5% geimpft, macht 6228 ungeimpfte und 20’322 geimpfte.
Wenn man das jetzt in Beziehung setzt (ich ignoriere dabei, dass ca. 55 der Masernkranken älter waren als 18, dadurch verändern sich die Prozente nur leicht, die Verhältnisse bleiben aber gleich), ergibt sich folgendes:
Von 20'322 Geimpften erkrankten 80, das sind 0.39%
Von 6’228 Ungeimpften erkrankten 1111, das sind 17,84%.
Daraus wiederum ergibt sich, dass man als Ungeimpfter in Coburg, eine 46mal so hohe Wahrscheinlichkeit hatte an Masern zu erkranken, wie ein Geimpfter und dass die Wahrscheinlichkeit als Geimpfter an Masern zu erkranken noch unter den 0.5% lag, die angegeben werden.
Natürlich ist das nur das statistische Mittel, aber das ist das was m.E. die veröffentlichten Zahlen hergeben.
Man darf sich nicht einbilden, dass Masern in sog "entwickelten Ländern" irgendwie harmloser seien, als in "Entwicklungsländern" - hier mal die Komplikationsraten aus dem letzten Schweizer Ausbruch aus dieser Quelle:
Während der 22 ersten Wochen des Jahres 2003 wurde bei 51 (11,0%) der 464 gemeldeten Fälle eine Komplikation beobachtet. Es handelte sich um 3 Fälle von Enzephalitis, 14 Pneumonien, 3 Fälle mit Verdacht auf Pneumonie, 11 Fälle von Otitis, 1 Delirium, 1 Myokarditis, 1 Fall mit generalisierten tonischen Konvulsionen, 1 Gingivostomatitis, 1 Hepatitis mit Verdacht auf Appendizitis, 1 Otitis mit Hepatitis und 14 Hospitalisierungen ohne Nennung von Komplikationen. 26 (5,6%) Personen wurden hospitalisiert, davon eine Person für nahezu 6 Wochen wegen einer Enzephalitis. Kein Todesfall war zu verzeichnen. Das Komplikationsrisiko nimmt mit zunehmendem Alter zu. Es steigt von 6,6% für Kinder im Alter von 1 bis 4 Jahren auf 24,3% für Erwachsene von 20 und mehr Jahren. 32 Kinder unter 16 Jahren (8,9%) hatten eine Komplikation im Vergleich zu 18 Erwachsenen (18,8%) (p = 0,006). Die Patienten mit Enzephalitis waren 10, 10 und 16 Jahre alt. Zwei geimpfte Fälle (5,3%) hatten eine Komplikation im Vergleich zu 43 nicht geimpften Patienten (12%) und 6 Patienten (8,7%) mit einem unbekannten Impfstatus (statistisch kein signifikanter Unterschied).
Fallbeispiel 1: Masernenzephalitis bei einem Jugendlichen.
Ein nicht geimpfter 17jähriger Schüler mit vorgängig guter Gesundheit und unauffälliger Vorgeschichte musste am 25. März 2003 wegen Bewusstseinsverlust mit tonisch-klonischen Krampfanfällen notfallmässig ins Spital eingewiesen werden. Nach Angaben der Familie hatte der Patient seit 7 Tagen Fieber, Kopfschmerzen, Myalgien, eine beidseitige Konjunktivitis, Rhinitis sowie seit 4 Tagen ein Exanthem am ganzen Körper. Das Exanthem trat zuerst am Kopf auf und breitete sich in der Folge rasch auf den Stamm und die Extremitäten aus. Nach primär gutartigem Krankheitsverlauf kam es zu einem Bewusstseinsverlust mit tonisch-klonischen Krampfanfällen. Bekannt ist ein Kontakt zu einem wahrscheinlichen Masernfall ungefähr 10 Tage vor Beginn der Symptome. Bei Spitaleintritt war der Patient in schlechtem Allgemeinzustand, bewusstlos, afebril (37°C) und wies eine Hypertonie (170/70 mmHg) und Sinusbradycardie von 45/Min. auf. Vor allem im Gesicht und am Stamm bestand ein makulopapulöses Exanthem mit Petechien und Schwellung der Augenlider. Die neurologische Untersuchung zeigte einen komatösen Patienten mit kortiko-bulbären und kortiko-spinalen Zeichen (Hyperreflexie, Spastizität, bilateraler Babinsky). Die übrige klinische Untersuchung erbrachte keine Besonderheiten. Die Laboruntersuchungen ergaben unter anderem positive Masern-IgM und -IgG und eine leichte Thrombozytopenie. Im MRI vom 26. März 2003 zeigte sich eine Pansinusitis, in jenem vom 31. März 2003 eine leichte diffuse Hyperdensität parieto-okzipital beidseits der weissen Hirnsubstanz, vereinbar mit einer Enzephalitis. Aufgrund der klinischen Befunde und der ergänzenden Untersuchungen wurde die Diagnose einer Masernenzephalitis gestellt. Unter symptomatischer Behandlung und respiratorischer Unterstützung verbesserte sich der Zustand langsam. Das Bewusstsein klärte zunehmend auf und der Patient konnte am 28. März 2003 extubiert werden. Zu diesem Zeitpunkt ergab die neurologische Untersuchung einen Glasgow-Coma- Score von 15, eine Dysmetrie und eine persistierende leichte Desorientierung. Der weitere Verlauf war günstig. Bei Spitalentlassung persistierten noch eine leichte psychomotorische Verlangsamung, kortikobulbäre Zeichen mit Palmomentalreflex und Störungen der Augenmotilität sowie eine intermittierende Brady- Dysrhythmie fronto-temporal rechts bei normaler Grundaktivität im EEG. Ein nach dem Austritt erfolgter neuropsychologischer Status zeigt eine inzwischen vollständige Normalisierung auf.
Fallbeispiel 2: Schwere pulmonale Komplikation nach Masern.
Ein 10jähriger, MMR-ungeimpfter Knabe wurde 14 Tage nach Beginn einer klassischen Masernerkrankung und nach Abblassen des Exanthems wegen Tachy-Dyspnoe und Husten in hochfebrilem Zustand zugewiesen. Zur Behandlung wurde Vitamin A verabreicht und wegen deutlicher laborchemischer Hinweise auf eine bakterielle Superinfektion eine antibiotische Behandlung begonnen. Am folgenden Tag musste der Patient bei drohender respiratorischer Dekompensation intubiert und künstlich beatmet werden. Radiologisch zeigten sich zunehmend pulmonale diffus-fleckige interstitielle Infiltrate (vgl. Abb. 4) Ein bakterieller Erregernachweis ist nicht gelungen. Nach 9 Tagen Intensivtherapie mit Sauerstoffbedarf bis 100% und Vasoaktivaunterstützung konnte problemlos extubiert werden, und der Knabe wurde nach insgesamt 23tägiger Hospitalisation entlassen. Aufgrund des klinischen Verlaufes wird die Krankheit als vital bedrohliche Masernpneumonie mit möglicher bakterieller Superinfektion beurteilt.